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Geformte Malerei Nachdenken über die Papierobjekte von MARION NIESSING Die Erfindung der Papierherstellung wird den Chinesen im zweiten nachchristlichen Jahrhundert zugeschrieben. Die chinesische Verwaltung hatte einen enormen Bedarf an billigem Schreibstoff entwickelt – Stoffe wurden zu teuer und Bambus erwies sich als zu unhandlich und zu schwierig in der Lagerung. Von Anfang an war das Papier ein Recyclingprodukt, entwickelt aus pflanzlichen Fasern, die aus gebrauchten Stoffen oder auch gebrauchten Papieren gewonnen wurden. In der Mitte des zwölften Jahrhunderts führten die Spanier die Papierherstellung in Europa ein. Dreihundert Jahre später druckte Johannes Gutenberg seine Bibel und erfand die Buchdruckerkunst mit beweglichen Lettern. Jahrhunderte lang war das Papier als Träger von Informationen und Bildern in Gebrauch und wurde ausschließlich als Werkstoff zum Beschreiben, Bedrucken und Verpacken betrachtet. Erst das 20. Jahrhundert entdeckte das Papier als eigenständiges künstlerisches Material. Picasso und die Kubisten, später Kurt Schwitters, klebten Zeitungsfetzen und andere Papiere als eigenwertige Bildkom- ponenten in ihren Gemälden und gaben diesen Elementen einen autonomen Farb- und Materialwert. In der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts versuchten gerade auch deutsche Künstler, zum Beispiel die Mitglieder der ZERO-Gruppe, durch Falten, Schneiden, Reißen, Knüllen, Kleben, Perforieren oder Schlitzen dem Papier neue Ausdrucksmöglichkeiten abzugewinnen. Dass Künstler sich der alten handwerklichen Technik des Papierschöpfens zuwenden, ist eine neuere, wenig mehr als zwanzig Jahre alte Entwicklung und sie geschah sicher nicht zufällig zur gleichen Zeit als die Computer ihren Siegeszug durch die Büros der westlichen Zivilisation begannen. Die Zukunftsforscher prophezeiten das papierlose Büro, aber Computer verbrauchen und verschwenden heute mehr Papier als je zuvor, und auch die Einführung der neuen Medien konnte den Druck von Büchern nicht verhindern. Die Zeitung von Gestern ist ein wunderbares Ausgangsmaterial. Es ist buchstäblich welthaltig und die Herstellung von Kunst durch einen Recyclingprozess ist hochaktuell, verantwortungsbewusst und zeitgemäß. Marion Niessing verwendet für ihre Papierobjekte außer Zeitungen auch aus der städtischen Bücherei ausgemusterte - verbrauchte – Bücher. Vielleicht begründen diese Ausgangsmaterialien die emotionale Ambivalenz zwischen magischer Poesie, haptischer Intensität und konzentrierter Spiritualität, die mich beim Betrachten und Berühren dieser Arbeiten ergreift. Die geschöpften Papiere haben deutlichen Objekltcha- rakter, denn sie haben keine eigentliche Vorderseite und keine Rückseite, sie tragen keine Farbe, sondern sind Farbe, Oberfläche und Papierkörper, bilden eine Einheit – Inneres und Äußeres sind gleich. Wer so ein Papierobjekt in die Hand nimmt, entdeckt beim Fühlen und Sehen eine Fülle widersprüchlicher Eigenschaften. Es ist gleichzeitig rau und weich, fest und faserig, empfindlich, aber widerstandsfähig und von einer erstaunlichen nuancenreichen Farbigkeit. Den weichen unebenen Papierkörper bedruckt Marion Niessing mit einem zusätzlichen Farbauftrag durch Linolplatten in einfach geschnittenen Rechteckvarian- ten. Die Linolplatte drückt eine Farbform in das Papier, das dadurch teilweise geglättet wird. Es entstehen reliefartige Effekte. Die Rauheit des Papierkörpers setzt dem durch die Hand aufgebrachten Druck Widerstand entgegen und nimmt die Farbe nicht vollständig auf. Auch mehrmaliges Wiederholen des Druckvorganges mit leicht versetzten Platten presst und verändert zwar die Struktur des Papiers, aber sie setzt sich auch gegen den Druck durch – der Farbauftrag bleibt transparent. Durch diese Spuren der gegenein- anderstehenden Kräfte bleibt der Herstellungsprozess sichtbar und gibt den Papieren ihre emotionale Ambivalenz. Der Herstellungsprozess führt zu einem ausgewogenen Gleichgewicht der Kräfte – der Widerstand des Papiers gegen den Druck der Linolplatte – ein Maß für die Kraft der Künstlerin. Die Größe der Papiere steht in Verbindung mit ihren physischen Möglichkeiten. Die feuchte Papiermasse ist durch das in ihr enthaltene Wasser von enormem Gewicht – die Größe der Papierobjekte wird durch die körperlichen Gegebenheiten bestimmt: Die Menge der Papierfasermasse, die die Künstlerin gerade noch bewegen und tragen kann, ergibt die Dimension des späteren Objektes. Der handwerkliche Vorgang des Papiermachens ist ein Prozess in der Zeit. Gelegentlich bleiben die Fließspuren des Trocknungsvorgangs sichtbar und visualisieren den Zeitaspekt, den Karl Ruhrberg so beschreibt: „Es (das Papier, Anm. d. Verf.) ist ein Flüchtling mit einer Geschichte von anderen Erscheinungsformen. Als einer der am stärksten polymorphen Materialen wandert das Papier verhältnismäßig mühelos zwischen einem strukturierten und unstrukturierten Zustand hin und her. Man spürt, dass diesem allgemeinen Fließen latente Kräfte innewohnen.“ (Katalog Joel Fischer, DAAD, Berlin 1974) Vom Objekthaften der geschöpften Papiere zur Formung von Objekten aus Papierfasermasse war nur ein kleiner Schritt. Ein erstes Zusammenballen von übriggebliebenem Papierbrei mit den Händen ließ eine Kugel entstehen und führte zur Entwicklung von dreidimensionalen Arbeiten im Raum. Die Elemente sind einfach und setzen als Architekturergänzungen Akzente in den Raum, die den Raum verändern und dadurch sichtbar und erfahrbar machen. Stäbe aus getrockneter Papiermasse stützen die Fensterlaibungen (Abb. 20/21), Säulen aus Papierzie- geln irritieren den Betrachter, da das graugesprenkelte Material in seinem „als – ob“ Charakter vorgibt, eine Steinsäule zu sein (Abb. 24/25). Aus Papierquadern gebaute Bogenformen bilden eine so selbstverständ- liche Verbindung zwischen Boden und Wand, dass der Betrachter erst beim Herangehen fühlt, dass er seinen Augen nicht trauen kann und dass das Material nicht sein kann, was es zu sein scheint. (Abb. 26). Diese Architekturergänzungen betonen oder leugnen die Eigenschaften des Raumes und der Architektur. Sie werden durch die Architektur gehalten und scheinen sie zu stützen. So werden mit diskreter Beharrlichkeit die Möglichkeiten des Raumes erforscht. Die mehrteiligen Wandarbeiten Marion Niessings voll- ziehen den Schritt vom konkreten in den imaginären Raum. Zum Beispiel in einer neunteiligen Arbeit, in der die Blätter vom mittleren Blatt ausgehend nach beiden Seiten stufig an der Wand hinabschreiten (Abb. 1). Eine Linolplatte, deren eine Seite von einer Bogenlinie begrenzt wird, deckt mit heller Farbe auf dunklerem Untergrund verschiedene Anteile der Blätter so ab, dass entsprechend den absteigenden Stufen eine nach unten gekrümmte Bogenlinie entsteht. Die stufig angeordneten Papierkörper erzielen gegen die die Bogenlinie beschreibenden Flächen einen spannungs- vollen Kontrast, der den Raum dynamisiert. In einer zwölfteiligen Arbeit, die direkt über der Fußleiste angebracht wird, wandert eine schmale helle Linie in einem aufsteigenden Zickzack in Schreibrichtung von links nach rechts (Abb. 19). Dies gibt der Arbeit etwas Skripturales und Erzählerisches, das gleichzeitig wie die Spur eines leichtfüßigen Reigens wirkt. In dieser tanzenden Linie ist für mich eine gewisse ironische Heiterkeit verborgen. So vereinen die Papierkörper Marion Niessings sowohl die imaginären Aspekte des Malerischen mit den sehr sinnlich begreiflichen, konkreten Eigenschaften des Plastischen, sie verbinden auf einzigartige Weise die künstlerischen Medien. Brigitte Hammer